Kartoffelgeschichte und -Geschichten

25. Was hat die Kartoffel mit dem Entstehen des Deutschen Pflanzenschutzdienstes zu tun?

Nicht ganz so schnell wie die Krautfäule (s. Frage 24) verbreitete sich der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata), was soviel heißt wie der "schmalfüßige zehnstreifige Käfer".
Er ist etwa 1 cm lang, gelb und trägt auf jedem Flügel 5 schwarze Längsstreifen. Käfer und Larven können in kurzer Zeit die grünen Kartoffelblätter bis auf die Blattrippen abfressen, so dass keine Knollen gebildet werden.

Der Kartoffelkäfer lebte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen der USA, am mittleren Missouri, völlig harmlos auf einer in Europa unbekannten Nachtschattenart, der Büffelklette (Solanum rostratum) (s. Frage 26). Als sich in den Bundesstaaten Colorado, Iowa und Nebraska mit dem Bau der Pazifik-Eisenbahn der Kartoffelanbau entwickelte, entdeckte der Käfer, wie gut Kartoffellaub schmeckt, so dass es erstmals 1869 zu einem großen Schaden kam. Für dieses gigantische Eisenbahnprojekt durch teilweise menschenleere Gebiete der U.S.A. wurden für die Arbeiter am Rande der Trasse Kartoffeln angebaut. Als die Bahnlinie 1874 fertiggestellt war, kam auch der Kartoffelkäfer an der Atlantikküste Nordamerikas an, nachdem er bereits 1865 den Mississippi überflogen hatte. Es ist daher sicher kein Zufall, wenn der Kartoffelkäfer in Europa erstmals in der Nähe großer Hafenanlagen auftrat. Transatlantische Handelsbeschränkungen waren die Folge. Auf die epische "Colorado potato beetle arrived at New York harbour" reagierte das Deutsche Reich mit einem Importverbot für amerikanische Kartoffeln. In England wurde der amerikanische Käfer 1877 bei Liverpool, in den Niederlanden bei Rotterdam festgestellt. In Deutschland wurde er im gleichen Jahr nicht weit vom Duisburger Rheinhafen, bei Köln-Mühlheim und bei Torgau an der Elbe gefunden.

In den USA nannte man den Kartoffelkäfer "Colorado-Beetle", da er zum ersten Mal in dem Rocky-Moutains-Staat Colorado* aufgetreten sein soll. Er konnte sich in Frankreich während des 1. Weltkriegs - offenbar infolge amerikanischer Militärtransporte - in der Garonne-Mündung und in einzelnen benachbarten Departements festsetzen. 1914 wurde ein Befallsherd an der Unterelbe, unweit vom Hamburger Hafen bei Stade, mit einem Aufwand von 60.000 Goldmark noch einmal ausgelöscht. 300.000 Käfer und Larven wurden hier auf einer drei Hektar großen Kartoffelfläche von 200 Soldaten innerhalb von 14 Tagen abgesucht. Das Kartoffelkraut wurde in Kalkgruben geschüttet und mit Benzol übergossen, die befallene Fläche mit 150 t Benzol behandelt. Außerdem zog man um die befallene Fläche Gräben und füllte sie mit Benzol. In den dreißiger Jahren überflog der Kartoffelkäfer dann auch die deutsch-französische Grenze. Es wurde damals allen Ernstes behauptet, der deutsche Erbfeind Frankreich habe den Kartoffelkäfer mit Flugzeugen über deutschem Gebiet abgeworfen. Dementsprechend war die Antwort eine militärische: Es wurde 1935 auf Vorschlag der Biologischen Reichsanstalt der "Kartoffelkäfer-Abwehrdienst (KAD)" der deutschen Wehrmacht geschaffen.
Im Krieg wurde der KAD vom "Reichsnährstand" geleitet. Er war die Keimzelle für den nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten staatlichen Pflanzenschutzdienst. In den Dörfern wurden Suchkolonnen gebildet, meist Arbeitslose und vor Kriegsbeginn auch Soldaten, die alle Felder absuchen mussten. Die "lieben Volksgenossinnen und Volksgenossen", wie das Sammelpersonal bei der Einweisung angeredet wurde, erhielten je nach Sammeleifer Prämien gezahlt. Wer auf einem bisher als nicht befallen geltenden Kartoffelfeld den ersten Käfer oder die erste Larve fand, erhielt eine "Fangprämie" von 20 Reichsmark und die "Kartoffelkäfer-Ehrennadel", für weitere Funde auf dem gleichen Feld gab es dann die "einfache Kartoffelkäfer-Anstecknadel".
Von Ende Mai bis Mitte August musste jede Familie in den Dörfern eine Person für die wiederholten gemeinschaftlichen Sammelaktionen abstellen. Jeder hatte vier Reihen zu beobachten. Für jeden abgesammelten Käfer und für ein Blatt mit Käfereiern gab es von der Gemeinde fünf Pfennig, für jede Larve zwei Pfennig. Stark befallene Äcker wurden gerodet, der Boden mit Schwefelkohlenstoff entseucht und alle Kartoffelfelder im Umkreis von einigen Kilometern mit Bleiarsen, später mit Kalkarsen besprüht. Während des Krieges wurden v.a. die Schulkinder zum Kartoffelkäfersuchdienst verpflichtet. Der "Steckbrief" des Kartoffelkäfers, hing an jedem öffentlichen Gebäude.
Mit der Parole: "Sei ein Kämpfer, sei kein Schläfer, acht' auf den Kartoffelkäfer! ",
war jeder zur Kartoffelkäferbekämpfung aufgerufen.

Die Gefährdung der Kartoffelernten durch den Kartoffelkäfer war so groß, dass 1936 in Le Moutiers d'Ahun (am Zentralmassiv) eine französisch-deutsche Arbeitsgemeinschaft zur Kartoffelkäferbekämpfung gegründet wurde. Nachdem nach Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich war, richtete die Biologische Reichsanstalt 1940 in Kruft in der Eifel eine Kartoffelkäfer-Forschungsstation ein, die 1948 nach Darmstadt verlegt wurde und aus der das "Institut für biologische Schädlingsbekämpfung der Biologischen Bundesanstalt" hervorging.
Trotz dieser Aktivitäten überflog der Kartoffelkäfer 1936 den Rhein, erreichte 1945 die Elbe und 1950 die Oder. 1960 hatte er Polen durchquert und Weißrußland und die Ukraine erreicht.

Nach dem Krieg unterblieben die Käfer-Sammel-Aktionen in Westdeutschland bald. Es war Sache jedes Bauern, seine Felder auch von diesem Schädling frei zu halten. Es gab sicherere und ungiftigere Mittel als Arsen, zunächst Insektizide aus der Gruppe der chlorierten Kohlenwasserstoffe (HCH und DDT). Heute ist der Kartoffelkäfer ein Schädling wie jeder andere, den man mit Insektiziden, vor allem aus der Gruppe der synthetischen Pyrethroide, oder auch mit dem Bakterium Bacillus thuringiensis tenebrionis, wirksam bekämpfen kann. Aufgrund der großen Anpassungsfähigkeit des Kartoffelkäfers ist die Gefahr der Entwicklung von Insektizidresistenzen allerdings sehr groß. Im rheinhessischen Kartoffelanbaugebiet um Mainz konnte man nachweisen, dass der Kartoffelkäfer von Insektiziden aus der Wirkstoffgruppe der Carbamate und Phosphorsäureester nicht mehr vollständig bekämpft wird. Während normalerweise 95 bis 98 % der Larven und Käfer nach einer Insektizidbehandlung der Kartoffeln abgetötet werden, waren es bei den resistent gewordenen Käfern nur noch 50 %. Pyrethroide sind noch in vollem Umfang wirksam. Damit das auch noch möglichst lange so bleibt, ist eine "integrierte Bekämpfungsstrategie" unter genauer Beachtung der Anwendungsbedingungen der verschiedenen insektiziden Wirkstoffe und konsequenter Einhaltung eines Wirkstoffwechsels unerlässlich. Entscheidende Bedeutung für eine gute Abtötung der Käfer kommt der Temperatur während und nach der Insektizidbehandlung zu. Werden Pyrethroide bei hohen Temperaturen über 25 C gespritzt, nimmt die Wirkung ab. Der Kartoffelkäfer kann bei Wärme das Insektizid entgiften, so dass 50 bis 75 % der Tiere überleben. Junglarven bei bedecktem Himmel zu bekämpfen, bringt den höchsten Wirkungsgrad.

In der "DDR" wurden noch bis in die 1960er Jahre Schulkinder mit Marmeladengläsern zum Kartoffelkäfersammeln auf die Felder geschickt. Die Sozialistische Einheitspartei (SED) tischte den Menschen wieder das Märchen auf, der "Klassenfeind", die US-Amerikaner und die "westdeutschen Revisionisten", hätten die Käfer über die Elbe gebracht (s. Frage 31).


*) benannt nach dem durch Bodeneintrag gefärbten ("coloured") Wassers des Colorado-Flusses



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